Panoramablick auf die Welterbestadt Quedlinburg

Quedlinburgs Friedliche Revolution

28. Dez 2019

Quedlinburgs Friedliche Revolution

Ein Thema beschäftigte uns alle in den letzen Wochen: der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution im November ´89. Berichte in den Zeitungen oder im Fernsehen ließen die Erinnerungen an dieses besondere Ereignisse wieder aufflammen.

So scheinbar plötzlich die neue Realität die Menschen ereilte, so intensiv haben sich im Vorfeld Tausende in der damaligen DDR dafür eingesetzt – allen voran auf den Montagsdemonstrationen in
Leipzig, Dresden oder Halle. Weniger bekannt ist, dass gemessen an der Einwohnerzahl in kaum einer anderen Stadt so viele Bürger protestierten wie in Quedlinburg. Anfangs waren es nur wenige, am Ende zählte man bis zu 15.000. Wie alles begann?

Im Visier des Staates

Tatsächlich sendeten Jugendliche den erste Impuls. Sie gerieten durch ihr „Anderssein“ in den Fokus der Volkspolizei. „Anders“ zu sein, bedeutete damals zum Beispiel, sich der Punk-Szene zugehörig zu fühlen, rebellische Musik zu hören oder sich „westlich“ mit Jeans und Lederjacke zu kleiden. Was nicht selten einfach nur Ausdruck eines individuellen Lebensstils sein sollte, verstand man schnell als politisches Statement und somit als Gefahr für den Sozialismus. Für diese Jugendlichen war in Quedlinburg die Jugendbegegnungsstätte der evangelischen Kirche, die „Haltestelle“, ein sicherer
Rückzugsort. Obwohl man sich dort zunächst nur versammelte, um in der Gemeinschaft über Themen wie Lebenssinn oder Orientierung zu diskutieren, wurde die „Haltestelle“ im Laufe der Zeit auch zu einem beliebten Treffpunkt für Oppositionelle. So kam es, dass im September 1989 der Magdeburger Bürgerrechtler Joachim Brothuhn dort für das „Neue Forum“ warb. Diesen Namen trug die erste Bürgerbewegung der DDR, die sich für eine Veränderung in der Gesellschaft stark machen wollte. Ihr erstes Ziel war, möglichst viele Unterstützer zu finden, denn nur so konnten weitere Vorhaben vorangetrieben werden.

Gemeinsam für mehr Demokratie

In nur wenigen Wochen stieg die Zahl der Sympathisanten kontinuierlich an, die gemeinsamen Treffen häuften sich und die Pläne erhielten eine immer stärkere Kontur. Inzwischen traf man sich auch nicht mehr nur ausschließlich in der „Haltestelle“, sondern nutzte verschiedene Privatwohnungen. Zu den anfangs vorwiegend jugendlichen Anhängern gesellten sich immer mehr Intellektuelle aus Quedlinburg und Umgebung. Bei allen war die Angst, bei derartigen Treffen verhaftet, verraten oder bespitzelt zu werden, allgegenwärtig. Aber die nächste, gemeinsame Vision überstrahlte vorübergehend alle Bedenken: Das „Neue Forum“ sollte die Gelegenheit erhalten, sich bei einer offiziellen Veranstaltung in der Marktkirche vorzustellen und für seine Vorhaben zu werben. Zunächst versuchte man es über den regulären Weg und meldete das geplante Treffen
bei der Volkspolizei an. Eine Genehmigung blieb natürlich aus. Dem klugen Schachzug des damaligen Probstes Bernhard Brinksmeier ist es zu verdanken, dass die Versammlung dennoch durchgeführt werden konnte: Da es für kirchliche Veranstaltungen keiner Genehmigung bedurfte, schlug er vor, den geplanten Dialog in das wöchentlich stattfindende „Gebet für unser Land“ einzubetten. Auch wenn der Gemeindekirchenrat dieses Vorhaben nicht einstimmig befürwortete, erhielt das Neue Forum am 26.10.1989 in der Marktkirche endlich seine Bühne.

Perspektiven für eine neue Zukunft

Schon anderthalb Stunden vor dem eigentlichen Beginn war das Gotteshaus überfüllt und der Besucherstrom musste in die Nikolai-Kirche umgeleitet werden. Eine angespannte, mit Zweifeln durchtränkte Stimmung erfüllte das Innere des Kirchenschiffs. Was werde jetzt passieren? Bleibt alles friedlich oder gibt es vielleicht Verhaftungen? Aber das Verlesen der Ziele des Neuen Forums entwickelte sich zu einem vollen Erfolg. Nur die regelmäßig aufkommenden Beifallsstürme des Publikums unterbrachen die Redner. Circa eineinhalb Stunden später lag Aufbruchstimmung in der Luft. Ungern und zögerlich verließen alle Anwesenden den schützenden Raum der Kirche, aber man war beseelt von den neuen Perspektiven für das Land.
In den darauffolgenden Wochen überschlugen sich die Ereignisse: Immer wieder gingen immer mehr Menschen auf die Straße, um zu demonstrieren. 30.000 sollen es noch am 9.11.1989 gewesen sein. Krawalle oder Verhaftungen blieben nach wie vor aus. Die Kreisleitung musste schließlich dem öffentlichen Druck nachgeben und erkannte das Neue Forum im Kreis Quedlinburg als Verhandlungspartner an. Eine DDR-weite Zulassung folgte unmittelbar danach. Und noch während man an allen weiteren Plänen feilte, Demonstrationen vorbereitete und seine Forderungen konkretisierte, fiel in Berlin die Mauer. Es war vollbracht. Auch wenn sich die Vertretern des Neuen Forums Wochen danach noch nicht einig waren, was jetzt genau passieren sollte, (sind WIR das Volk, das für eine Reformierung des DDR-Staates kämpft oder sind wir EIN Volk und streben die
Wiedervereinigung an), so überwog doch das gute Gefühl des gemeinsam Erreichten:
Eine friedliche Revolution.